Wednesday, May 02, 2007

 

Die traurige Geschichte des Johann Michael Elsener

Diese Sammlung von Gerichtsakten der Stadt Zug aus dem frühen 18. Jahrhundert hat Joe Elsener zusammen gestellt. Sie erzählen die Lebens- und Leidensgeschichte des Johann Michael Elsener, glückloser Vorfahre unseres Geschlechts:

Karte von Zug aus dem Jahr 1654

Johann Michael Elsener, von Joe Elsener

Johann Michael wurde am 12. Sept. 1708 als Kind des Johann Melchior und der Maria Katharina Herzog getauft. Er war das vierzehnte und zweitletzte Kind der Familie. Von seinen Geschwistern war wohl mehr als eines bereits tot, als er zur Erde kam. An seinem neunten Geburtstag verlor er seinen Vater. So zog er denn bald in die Fremde und zwar für vier Jahre nach Basel.

Da er ja der Zweitjüngste war, glaubten die Geschwister an ihm Vaterstelle vertreten zu müssen und hielten es, als er aus der Fremde wieder heimkehrte, für nötig, ihn zu der heiligen Beicht und zu den allgemeinen Gottesdiensten anzuhalten. Auch schlossen sie mit seinem Bruder Joachim einen Vertrag, in dem Michael dem Bruder übergeben wird, der ihn erhalten sollte und wofür Michael bei ihm zu arbeiten hatte. Falls Joachim den Vertrag nicht halten würde, sollte sein Erbanteil am mütterlichen Gute Michael zu fallen.

Soweit schien die Sache gut geregelt und Michael sich darein zu schicken, bis er aber am 10. Januar 1733 vor dem Zuger Stadtrat erscheint und sich beklagt, sein Bruder halte ihn schlecht und lasse ihn hungern und um Aufnahme ins Spital (das Armenhaus oder Bürgerheim) bittet. Sein Bruder antwortet auf diese Anklage: Michael meine, er solle ihn halten wie seine Frau, die gerade ein Kind erhalten habe (Geburt v. Anna Katharina 4. Jan. 1733). Wenn er nicht zufrieden sei, wolle er den Vertrag gerne auflösen. Dann könne er gehen, wann er wolle. Der Stadtrat entscheidet: Joachim soll seinen Bruder besser halten und nach acht Tagen wieder vor dem Rat erscheinen.

Der Zugersee im ersten gesamtschweizerischen geografischen Werk, um 1700.

Nach diesen acht Tagen wiederholt Michael seine Klagen (17. Jan. 1733). Aber Joachim hat sich vorbereitet. Er bringt Zeugen mit, die bestätigen sollten, dass er ihn ehrlich gehalten, ihm wohl eingebrockte Suppen und Gemüse gegeben habe.
Fisch und Fleisch könne er ihm in Gottes Namen nicht geben. Wenn er ihn geschlagen habe, so sei es nicht unverdient geschehen. So bezeugt Karl Anton Weber: Joachim hätte ihm die Speisen gegeben, die er selbst gehabt. Es sei ihm unmöglich, ihn besser zu halten. Michael sei allerdings mehr zur Arbeit angehalten worden als er vermocht habe. Lazarus Bluntsche erklärt: Er wisse nichts weiter, als dass Joachim den Michael herumgestossen habe. Wegen seiner Schwachheit könne er nicht soviel arbeiten wie Joachim. Nachdem der Vertrag verlesen wurde, der unter den Geschwistern aufgestellt worden war, erklärt sich Joachim bereit, seinen Bruder wieder anzunehmen. Der Rat beschliesst jedoch: Bis Mitte März soll Michael der Mutter aufgebürdet sein; alsdann wolle man eine völlige Änderung treffen.

Doch schon am 7. Febr. 1733 erscheint Michael wieder vor dem Rat und beklagt sich erneut, wie übel er bei seiner Mutter gehalten sei. Er bittet kniefällig, man möge ihn ins Spital aufnehmen, er wolle dafür seinen mütterlichen Erbanteil geben. Nachdem die Geschwister erschienen sind, wird ihnen die Frage vorgelegt, ob, wenn ihr Bruder durch die Ratsherren versorgt würde, sie sein Erbe, falls er vor der Mutter sterben sollte, den Ratsherren verabfolgen würden. Die Geschwister erklären sich mit allem einverstanden, was die Ratsherren machen wollen, meinen aber sie hätten ihn wie seinesgleichen behandelt. Demgegenüber erklärt Michael: Man gebe ihm kein Brot, während die Schwestern in der Küche sich bedienen würden. Auch ärgert es ihn, dass sie ihn zum Gottesdienstbesuch angehalten hatten. Sie könnten doch nicht sagen, er hätte die Gottesdienste nicht fleissig besucht. Beschluss: Michael soll zur Probe an eine Kost verdingt werden. Wenn er sich wohl verhalte, soll er ins Spital aufgenommen werden.

Am 21. März 1733 erstatten Dominik Frickhart und seine Frau Bericht über das Wohlverhalten von Michael. Er sei fleissig zur Kirche gegangen und hätte sich wohl verhalten. So wird denn Michael ins Spital aufgenommen. Die Mutter soll ihm aber jährlich die 15 gl (Gulden) verabfolgen. Auch solle der Landschreiber von Mutter und Geschwistern unterschreiben lassen, dass sein Erbteil dem Spital zufalle. Dem Spital sollen alle Kosten ersetzt werden, wenn Michael wegen seines schlechten Verhaltens wieder ausgestossen würde. Der Unterweibel bringt die Antwort von der Mutter: Sie sei durchaus zufrieden.

Am 19. Juni 1734 muss man jedoch Michael bereits warnen, er solle arbeiten, sonst müsste man anders mit ihm reden.
Aus einem Beschluss des Stadtrates vom 4. Sept. 1734 entnimmt man, dass allen Stuben im Spital ein Schlüssel gegeben werden soll, Michael Elsener solle jedoch davon ausgeschlossen sein.

Am 16. Januar 1737 stirbt Michaels Mutter. Der Spitalvogt wird deshalb angehalten, für das Erbgut von Michael besorgt zu sein und es im Namen des Rates zuhanden zu nehmen. Am 6. Februar 1737 erstattet der Vogt darüber dem Stadtrat Bericht und erklärt das Erbe des Michael betrage 282 gl 30 s. Es solle auf Martini (11. November) den Ratsherren ausgehändigt werden. Dem Michael solle verbleiben, was aus dem Hausrat gelöst würde.

Auf den 16. März 1737 wird Michael vor den Rat zitiert und ihm vorgehalten, er führe sich ungebührlich auf. Dieser behauptet, er hätte nichts Ungebührliches getan. Beschluss: Er wird zur Besserung angehalten. Auf den mindesten Fehler hin soll er des Spitalaufenthaltes verlustig gehen.

Am 1. Februar 1744 muss ihm vorgehalten werden, er schenke Most aus. Er entschuldigt sich, dass er Most für sich zugetan habe und niemand Fremden gebe. Beschluss: Er solle sich ruhig und still verhalten, sonst würde man ihn entlassen.
Für die Not wird ihm für den Winter erlaubt zu heizen (27. Oktober 1747).

Am 29. August 1750 heisst es: Über das Mobiliar von Michael soll ein Inventar aufgenommen werden.

Der Stadtrat beschliesst am 24. Oktober 1750 über den Spitalpfründner Michael Elsener: Da Michael sich verschwenderisch aufführt und das eine oder andere von seinem Hausrat und Werkzeug verkauft, ist seinem Bruder Jakob Melchior (geb.
5. März 1701) gesagt worden, dass er das bei ihm hinterlegte Geld behalte, ihm nichts herausgebe, ausser dass er ihm für etwa 10 gl Werkzeuge kaufe, damit er arbeite. Wenn er alsdann von dem oder anderem mehreres verkaufe, solle er aus dem Spital verwiesen werden. Die auf dem Rathaus liegenden Linschen(?) solle Jakob Melchior auch zuhanden nehmen.

Am 5. August 1752 wird Michael von seinem Leben, das ihm und seiner Umgebung so viel Sorgen bereitet hat, durch den Tod erlöst.

Zug, kolorierte Fotografie, Anfang 20. Jhrdt

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